28.04.2020
Jetzt schon aus Corona-Pandemie lernen! Zukünftige Maßnahmen für Einrichtungen der Pflege und für Menschen mit Behinderung überdenken.

Seit Beginn der Corona-Pandemie haben sich vor allem Einrichtungen der Pflege als Brennpunkte herauskristallisiert. Wegen teils dramatischer Entwicklungen mit einer Vielzahl schwerer Krankheitsverläufe und Verstorbenen in dieser besonders vulnerablen Gruppe hat die Bayerische Staatsregierung sowohl für Pflegeeinrichtungen als auch Einrichtungen der Eingliederungshilfe besondere Schutzvorkehrungen getroffen. Das verhängte Besuchsverbot soll helfen, die besonders vulnerablen Gruppen der dort wohnenden alten Menschen und Menschen mit Behinderung vor einer Infektion mit dem SARS-CoV-2 zu schützen. Diesen besonderen Schutz hat der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung immer für wichtig erachtet und sich für die Einhaltung der Regeln ausgesprochen. Dennoch plädiert Herr Prof. (Univ.Lima) Dr. Bauer MdL dafür, schon jetzt Lehren aus dem aktuellen Geschehen zu ziehen und die Schutzvorkehrungen anzupassen und so zu regeln, dass Besuche, insbesondere durch Angehörige, künftig wieder möglich werden. Er fordert Staat und Politik auf, Hygiene- und Besuchsregelungen sowie bauliche Gegebenheiten entsprechend auszurichten und die Einrichtungen bei der Umsetzung zu unterstützen.

„Seit das Besuchsverbot für Einrichtungen der Pflege und für Menschen mit Behinderung verhängt wurde, erreichen mich täglich Nachrichten von höchst besorgten Angehörigen. Diese reichen von Sorge, Trauer, Wut bis hin zur Verzweiflung und Resignation. Im schlimmsten Fall wird sogar von Suizid-Gedanken der Angehörigen in den Einrichtungen berichtet“, erzählt Dr. Bauer ernst. „Es ist schwer, all diesen aufgebrachten und manchmal verzweifelten Menschen Vertrauen in die derzeit gültigen Maßnahmen zurückzugeben“, so der Beauftragte. „Trotzdem sind meine Geschäftsstelle und ich darum tagtäglich bemüht. Wir erläutern allen, die sich an uns wenden, warum es ein Besuchsverbot gibt und warum diese weitreichenden Maßnahmen ergriffen werden mussten. Ich versuche, Verständnis dafür zu wecken, dass wir alle umdenken und reflektieren müssen, was den Schutz von uns selbst, aber auch unserer Mitmenschen betrifft. Alle Maßnahmen sind nur vorübergehend und werden schrittweise zurückgenommen, sobald sich die Lage entspannt. Aber Sonderregelungen und Ausnahmen helfen uns jetzt nicht weiter. Auch, wenn sich das viele wünschen. Ein einfaches und rasches „Zurück-zum-normalen-Alltag“ kann es aus meiner Sicht für Pflegeeinrichtungen und Einrichtungen der Eingliederungshilfe aber auch nicht geben!“ betont Dr. Bauer.

„Ich bin überzeugt, dass wir schon jetzt anfangen müssen, den Blick in die Zukunft zu richten. Corona hilft uns zu lernen; denn es offenbart die Schwachstellen unseres Systems!“ mahnt der Pflegebeauftragte.

„Wer Berichte von bisherigen Katastrophenschutzübungen aufmerksam liest, meint, das Drehbuch zur aktuellen Corona-Pandemie vor sich zu haben. Insofern verstehe ich, wenn unter anderem der Mangel an Schutzausrüstung kritisiert wird. Hier müssen wir unbedingt und unverzüglich nachbessern! Finnland zeigt uns, wie es auch gehen kann. Weil der Staat große Mengen Pandemieschutzausrüstung bevorratet hat, gibt es dort auch keine Engpässe, so wie jetzt bei uns!“ bekräftigt Dr. Bauer. „Lernen können wir meines Erachtens aber auch aus anderen Bereichen der Medizin und Pflege, die eben nicht zu Hot Spots wurden, obwohl sie auch als sensibel einzustufen sind. Dabei denke ich z.B. an Stationen für Neu- oder Frühgeborene, Transplantationsabteilungen mit stark immungeschwächten Patienten oder auch Intensivstationen. Natürlich bin ich froh darüber, dass das Corona-Virus dort nicht die gleichen Probleme verursacht hat wie in Pflege- und Behinderteneinrichtungen. Trotzdem stellt sich mir die Frage nach dem ‚warum‘!“ erläutert Dr. Bauer.

„Für mich gibt es drei mögliche Gründe. Erstens, die Vorhaltung und sachgerechte Anwendung von Schutzausrüstung, zweitens, die Hygiene- und Besuchsregeln und drittens, die baulichen Gegebenheiten“, so Dr. Bauer. „Dass man in Krankenhäusern Mundschutz und Handschuhe trägt, dass dort Desinfektionsmittel stärker im Einsatz sind als in Pflege- und Behinderteneinrichtungen mag auch daran liegen, dass man alte Menschen und Menschen mit Behinderung nicht pauschal als Patienten einstufen kann. Vielmehr ist man ja bemüht, ihnen ein Umfeld zu schaffen, das eben nicht an ein Krankenhaus erinnert. Trotzdem muss man zur Kenntnis nehmen, dass alte Menschen anfälliger für Erkrankungen sind und auch Per-sonen, die in Einrichtungen der Eingliederungshilfe betreut werden, vermehrt unter sekundären Erkrankungen und organischen Störungen leiden. Sie sind also Risikogruppen – nicht nur für das Corona-Virus, sondern generell!“

„Auf Frühgeborenen-Stationen ist es seit Langem und schon vor der Corona-Pandemie gang und gäbe, dass Eltern oder Großeltern nur zu bestimmten Zeiten und über Hygiene-Schleusen die Kinder besuchen dürfen. Diese Regeln sind akzeptiert und jeder weiß, dass es darum geht, die Kinder zu schützen! Darüber sollten wir auch bei den Besuchsregelungen von Pflege- und Behinderteneinrichtungen nachdenken. Durch Etablierung geeigneter Hygiene- und Besuchskonzepte sollten die besonders wichtigen sozialen Kontakte, insbesondere zu den Angehörigen, schnellstens wieder ermöglicht werden“, so Dr. Bauer. „Nicht zuletzt ist der Platzmangel in Pflegeheimen seit Langem bekannt. Dass es keine zusätzlichen Räumlichkeiten für Quarantäne gibt, so wie jetzt bei Rückverlegungen oder Neuaufnahmen gefordert, muss ebenfalls neu diskutiert werden. Denn auch hier geht es nicht nur um das Corona-Virus, sondern z.B. auch um resistente Erreger“, berichtet der Beauftragte.

„Es ist kein Geheimnis, dass Medizin und Pflege für einen Menschen bedeutender wird, je älter er ist. Aus diesem Grund fordere ich eine verstärkte wissenschaftliche Auseinandersetzung – auch unter Einbeziehung der universitären Geriatrie – mit dem alternden Immunsystem und einer darauf aufbauenden Konzeption weitreichender Schutzvorkehrungen in Einrichtungen für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderung. Staat und Politik sind hier ganz klar gefragt! Wir brauchen nicht nur Bevorratung mit Pandemieschutzausrüstung, sondern wir brauchen neue Hygiene- und Besuchskonzepte, sowie bauliche Maßnahmen in allen Einrichtungen! Hier sehe ich großes Potential, um in Zukunft auf Infektionsgeschehen aller Art besser vorbereitet zu sein. Die Einrichtungen dürfen wir dabei nicht allein lassen und müssen sie, z.B. mit einem Sonderinvestitionsfonds, finanziell unterstützen!“ fordert der Patienten- und Pflegebeauftragte.

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