09.04.2020
Dr. Peter Bauer spricht Fraktur: "Auf die lange Bank schieben, gilt nicht mehr!"

Corona-Krise trifft häusliche Pflege und pflegende Angehörige hart und macht Defizite des ‚grauen Pflegemarktes‘ deutlich.

Der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Prof. (Univ.Lima) Dr. Peter Bauer MdL, sieht aufgrund der weitreichenden Maßnahmen durch die Corona-Krise wachsende Probleme im Bereich der häuslichen Pflege. Pflegende und sorgende Angehörige stehen zunehmend unter Druck. Wegen Grenzschließungen bricht nicht nur der legale, sondern auch der sehr große ‚graue Arbeitsmarkt‘ für Betreuung und pflegerische Dienstleistungen zusammen. Alltag, Beruf und Pflege ohne diese Unterstützung zu stemmen, schaffen die meisten nicht. Das ist eine echte Krisensituation.

„Betreuungs- und pflegebedürftige Menschen durch privat organisierte Pflege mit Hilfe von mittel- und osteuropäischen Helfern häuslich zu versorgen, ist keine Seltenheit. Schätzungen gehen von mindestens 150.000 solcher Haushaltshilfen in deutschen Familien aus; die wenigsten davon sind in regulär geregelten Arbeitsverhältnissen beschäftigt“, betont Dr. Bauer. „Ich weiß sehr wohl, dass diese Situation eine doppelte Notlage darstellt. Auf der einen Seite das Dilemma der Familien mit einem nicht gelösten Hilfebedarf. Auf der anderen Seite die Schwierigkeiten von (meistens) Frauen aus Ländern Mittel- und Osteuropas, die bezahlte Arbeit suchen, um wiederum eigene Angehörige im Herkunftsland zu unterstützen. Ein Teufelskreis, den die Verantwortlichen der Politik endlich durchbrechen müssen“, mahnt der Pflegebeauftragte.

„Gerade jetzt während der Corona-Krise kann jeder deutlich erkennen, dass der ‚graue Pflegemarkt‘ eine tragende Säule unseres heutigen Pflegesystems ist! Denn geschlossene Grenzen und fehlende Arbeitspapiere reichen aus, um eine große Anzahl Pflegebedürftiger und pflegender Angehöriger bei uns in echte Not zu bringen!“ kritisiert der Beauftragte. „Schon viel zu lange nehmen wir in Kauf, dass illegal Beschäftigte ohne Rechtssicherheit bei uns arbeiten und damit die ohnehin nicht stattlichen Tariflöhne unserer qualifizierten Pflegekräfte unterlaufen werden. Wenn rund-um-die-Uhr-Betreuungen durch einen regulären Pflegedienst Kosten im fünfstelligen Bereich verursachen, wundert es nicht, wenn der billigere ‚graue Pflegemarkt‘ boomt. Hier sollen sich die Kosten nur im vierstelligen Bereich bewegen! Traurig und beschämend, aber aus meiner Sicht nachvollziehbar, dass der ‚graue Pflegemarkt‘ für Pflegebedürftige und deren Angehörige zur einzigen finanziell tragbaren Alternative für eine stationäre Unterbringung wird!“, so Dr. Bauer.

„Österreich hat zumindest schon 2007 versucht, den irregulären Markt für häusliche Versorgung pflegebedürftiger Menschen durch das Hausbetreuungsgesetz zu legalisieren. Optimal ist aber im Nachbarland sicherlich ebenfalls noch nicht alles!“ betont der Beauftragte. „Auch die Schweiz sucht über personalvermittelnde Agenturen und Arbeitsverträge nach Lösungen. Die Debatte um arbeitsrechtliche Ver-besserungen ist aber auch dort meinem Wissen nach noch nicht abgeschlossen,“ erklärt der Pflegebeauftragte. „Wir müssen aus der aktuellen Krise lernen! Daher fordere ich als Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung Politik und auch Medien auf, das Thema verstärkt aufzugreifen und öffentlich zu diskutieren. Wir brauchen Qualifikations-, Arbeits-, Qualitäts- und Kontrollstandards, die nicht nur den Pflegekräften, sondern letztlich vor allem den Pflegebedürftigen sowie den sorgenden und pflegenden Angehörigen zu Gute kommen! Auf die lange Bank schieben, gilt nicht mehr! Jetzt müssen wir schnellstmöglich anpacken!“ fordert Dr. Bauer.

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